Wie Rassismus aus Wörtern spricht

„Die Indianer konnten die Zuwanderung nicht stoppen. Heute leben sie in Reservaten” 
(AfD auf Twitter)

Von Tanja Chawla

Dass die AfD offensichtlich Angst vor dem vermeintlich Fremden hat, ist wenig überraschend. Dass es ihnen aber den Verstand geraubt hat, so dass sie mit geschichtsverfälschenden populistischen Argumenten arbeiten, ist für eine Partei, die eine hamburgische Oppositionsfraktion stellt besorgniserregend! Wer Karl May als einziges vermeintliches Geschichtsbuch gelesen hat, sollte keinen Fußbreit in die Politik setzen!

Eine ernsthafte Entgegnung auf das obige Zitat entfachte bei mir eher Unwillen als politisches Interesse. Zwei wesentliche Aspekte liegen diesem zugrunde: erstens, dass hier mit der Konstruktion einer Gruppe gearbeitet wird, die per se eine imperialistische und westliche Verallgemeinerung darstellt. Der Begriff „Indianer“ ist ein Containerbegriff der kolonialen europäischen Gesellschaften, der dazu dient(e), eine Legitimation für Ausbeutung und Ermordung zu finden. In dem Buch „Wie Rassismus aus Wörtern spricht“, entlarvt Noah Show scharf den Subtext des Begriffes: „Weiße dürfen auf jeden Fall »Ethnien« erfinden, willkürlich einteilen und mit geografischen Fantasienamen versehen, selbst wenn eine solche Einteilung faktisch vollkommen blödsinnig ist und weit mehr über die Bezeichner_innen als über die Bezeichneten aussagt.“ (Show 2011)

Rassismus als strukturierendes Verhältnis in der Gesellschaft diente schon immer der Legitimierung von Privilegien für die eigene Gruppe durch die Herabsetzung der Anderen. Nichts anderes findet in diesem Zitat statt. Liebe Leser_in, was lesen Sie heraus? Dass es endlich an der Zeit wäre, Entschädigungszahlungen zu leisten? Die intentionale Schlussfolgerung, dass „Wir nicht so handeln sollten.“ ist unübersehbar.

Zweitens werden hier Migrationsprozesse mit gewaltvollen Kolonialisierungsprozessen gleichgesetzt. Anstatt eine differenzierte Analyse damaliger und heutiger herrschender Machtverhältnisse anzulegen, wird hier mit einem Verständnis a la Karl May eine Art romantisches Kindheitsschema produziert und als Abschreckungsszenario funktionalisiert. Gepaart mit der Nutzung eines diffusen Integrationsbegriffes, wird die Politik der Abschottung der AfD komplettiert. Sicherlich ist die AfD nicht für ihren offenen Gesellschaftsbegriff bekannt, aber: Integration ist kein einseitiger Prozess! Nicht diejenigen, die als anders oder nicht zugehörig durch die Dominanzgesellschaft (Rommelspacher 1995) markiert werden, müssen sich anpassen. Vielmehr geht es darum das hegemoniale Gesellschaftsprojekt zu überarbeiten und im Global Citizenship Format neu zu denken.

Mein Fazit daraus: Die Arroganz des Zitates ist unerträglich und daher schlussendlich keines weiteren Wortes würdig!

foto-tanja-chawla


Rommelspacher, Birgit: Dominanzkultur. Texte zu Fremdheit und Macht. Berlin: Orlanda Frauenverlag. 1995.

Sow, Noah: Indianer. In: Arndt, Susan; Ofuatey-Alazard, Nadja (Hginnen): Wie Rassismus aus Wörtern spricht. (K)Erben des Kolonialismus im Wissensarchiv deutsche Sprache. Teil 4: Gewalt und Normierung. Münster: Unrast Verlag. 2011

 

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2 Kommentare zu „Wie Rassismus aus Wörtern spricht

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