Das Private ist politisch – immer noch!

Die AfD lehnt die Bekämpfung traditioneller Geschlechterrollen und Familienentwürfe durch staatliche Stellen ab. Wir sind der Überzeugung, dass unsere Bürger mündig genug sind, um selbst zu entscheiden, welche Geschlechterrollen und Familienentwürfe die richtigen sind. (Quelle: Wahlprogramm der AfD zur Bürgerschaftswahl 2015)

Von Elke Peine

Zunächst einmal: Nicht Regierungen oder „staatliche Stellen“ >bekämpfen< Familienentwürfe. Gesellschaftliche Strukturen, insbesondere die Organisation von Erwerbsarbeit und damit einhergehende Vorstellungen von spezifischen Zuständigkeiten und Aufgaben von Männern bzw. spezifische Zuständigkeiten und Aufgaben von Frauen regeln das öffentliche und das private (Familien-)Leben. Sie führen zu Widersprüchen, die die Menschen unterschiedlich erleben und zu leben versuchen. Diese Widersprüche weisen auf Probleme oder Unvereinbarkeiten hin, die mit der jeweiligen Familienform, den unterschiedlichen Anforderungen an Frauen bzw. Männer verknüpft sind.

Die traditionellen Geschlechterzuordnungen und Familienentwürfe, die zu Benachteiligung und Unterdrückung von Frauen führ(t)en, wird von eben diesen mündigen Bürgerinnen kritisiert und deren Veränderung bzw. Überwindung wird gefordert.

Es sind die Aktivistinnen der Frauenbewegungen, früher und heute, die verdeutlich(t)en, dass die ungleiche Verteilung der Macht im öffentlichen und privaten Raum sich in entsprechenden Regelungen in der Arbeitswelt, der Steuergesetzgebung, des Sozialversicherungswesens und des Familienrechts abbildet. Die Benachteiligung von Frauen, insbesondere in konservativen und traditionellen Familienentwürfen, ist so gesellschaftlich verankert und manifestiert.

Kurz gesagt: das heutige öffentliche Leben, die heutige Gestaltung von Erwerbsarbeit würde zusammenbrechen, wenn Frauen sich den heutigen entsprechenden Anforderungen im Privaten (Zuweisungen von Reproduktions- und Sorgearbeit) verweigern würden.

Von einer angeblich freien Wahl des Familienentwurfs kann daher aus meiner Sicht nicht die Rede sein. Eine freie Wahl setzt voraus, dass die Modelle, die zur Wahl stehen, alternativ, gleichwertig, anerkannt und in gleicher Weise „entlohnt“ sind. Davon kann keine Rede sein, es gibt zurzeit kein Familienmodell, in dem Frauen nicht benachteiligt sind. Das traditionelle Familienmodell manifestiert die Benachteiligung und Ausbeutung von Frauen jedoch besonders heftig. Dies zeigen kurz- und langfristige Benachteiligungs- und Auslieferungseffekte, die aber tabuisiert sind und nicht öffentlich diskutiert werden, schon gar nicht von der AFD.

Von einer freien Wahl kann aus mehreren Gründen keine Rede sein, denn noch immer besteht die Normfamilie unserer Gesellschaft aus einem Hetero-Paar mit Kindern, in der der Mann der Hauptverdiener ist, in der die Frau Teilzeit arbeitet und schlecht bezahlte und oft einer ihrer Qualifikation nicht entsprechenden Erwerbsarbeit nachgeht. Wichtig ist, die Erwerbsarbeit mit den Familienpflichten einigermaßen vereinbaren zu können. Freiwilligkeit besteht so durchaus, beinhaltet aber in der Regel den Verlust von vielem.

Das öffentliche und das private Leben wird durch Normen, Werte und entsprechend knallharten Regelungen in der Arbeitswelt, im Familienrecht, in den Sozialversicherungssystemen und (Steuer-)Gesetzen u.a. so gestaltet, dass sie überwiegend Lebenslagen und Sichtweisen von Männern entsprechen, was auch in einer Sprache zu erkennen ist, die ebenfalls nur die männlicher Form verwendet.

Frauen sind weitestgehend allein für die Reproduktionsarbeit, die Organisation, die Sorgearbeit aller – auch weit verzweigter – Familienmitglieder, aller Generationen, möglichst zu jeder Zeit und an vielen Orten gleichzeitig, zuständig. Noch immer übernehmen Frauen die strukturell verankerten materiellen und psychischen Benachteiligungen der Geschlechterverhältnisse in Erwerbsarbeit und Familie. Bei einer Scheidungsrate von 50% sind die langfristigen Benachteiligungen erheblich. Dies trifft in ganz besonderem Maße Frauen, die in traditionellen Partnerschaftsmodellen leben und dem Mann den öffentlichen Raum allein überlassen!

Die feministische Gesellschaftskritik, die sich auf die Geschlechterverhältnisse in allen Lebensbereichen bezieht und die Dominanz- und Machtansprüche von Männern, die Gleichsetzung von Mensch = Mann und die darin begründete Marginalisierung von Frauen(leben) kritisiert, hat weiterhin Gültigkeit.

Die gesellschaftlichen Aufgaben, ohne die keine Gesellschaft existieren könnte, werden auch heute noch in das Private, die Familie „abgegeben“ und die weiblichen Ausführenden erhalten so gut wie keine gesellschaftliche und materielle Anerkennung ihrer Leistungen, geschweige denn adäquate Unterstützungen.

In diesem Sinne gilt der Slogan der Frauenbewegungen auch heute noch: Das Private hat gesellschaftliche Relevanz! Das Private ist politisch!

Neben den bisher ausgeführten Benachteiligungen, denen Frauen insbesondere in traditionellen Geschlechterverhältnissen ausgesetzt sind und deren gesellschaftlicher Verankerung, bestehen darin weitere Risiken für Frauen. Die im traditionellen Partnerschafts- und Familienmodell realisierten Abhängigkeitsverhältnisse befördern Dominanz- und Machtansprüche auf der Beziehungsebene, das heißt des Mannes gegenüber der Frau im konkreten Alltag.

Dies verstärkt sich umso mehr, je stärker die materielle Abhängigkeit, je stärker die Konzentration auf die Familienaufgaben und die Belastungen damit sind. Unter solchen Voraussetzungen besteht das Risiko, dass Frauen unerträgliche Erfahrungen wie körperliche und psychische Gewalt, sexualisierte Gewalt teils extrem lange ertragen, da sie wenig alternative materielle, kulturelle und psychische Perspektiven einnehmen können.

Aufgrund der dargestellten gesellschaftlichen Verankerung des traditionellen Familienmodelles und der damit verknüpften Benachteiligungen von Frauen, greifen auch die gesetzgeberischen Regelungen, wie die Verurteilung der Vergewaltigung in der Ehe (seit 1997) als Straftat und das Gewaltschutzgesetz, mit der damit ermöglichten Wegweisung des Täters aus der Wohnung, leider nur bedingt.

Erschreckend viele Mädchen und Frauen erleben sexualisierte Gewalt, insbesondere in der Familie. Heute wissen wir, dass sie umso schwerer den heimischen Tätern entkommen können, je stärker sie – und/oder ihre Mütter – sich in eben diesen Abhängigkeitsverhältnissen, wie sie in starkem Maße in traditionellen Familien- und Partnerschaftsmodellen bestehen, befinden.

Insbesondere im Arbeitsfeld Drogen und Sucht ist diese Problematik seit Ende der 80er und besonders seit Mitte der 90er Jahre in der Arbeit mit Frauen, deutlich sichtbar und thematisiert. Der Zusammenhang zwischen sexualisierten Gewalterfahrungen und Drogenabhängigkeit/Sucht und Abhängigkeitsverhältnissen ist wissenschaftlich erwiesen und anerkannt.

Dieser Zusammenhang und die selbsttätige Überwindung von Abhängigkeitsverhältnissen sind wichtige Themenfelder in Beratung und Behandlung, denn viele drogenabhängige/süchtige Frauen sind teils massiv von Gewalt betroffen, haben teils lang anhaltende, sexualisierte Gewalterfahrungen in der Kindheit, in der Herkunftsfamilie durch Väter, Stiefväter und Brüder erlebt, Vergewaltigungen sowie Gewalterfahrungen in der Prostitution und in der Drogenszene, in Beziehungen zu meist älteren drogenabhängigen Partnern/Dealern. Und gewiss ist: je größer die materielle und psychische Abhängigkeit, desto schwieriger ist die Herauslösung aus dieser und die Überwindung der Sucht.

Frauen berichten von zahlreichen Grenzüberschreitungen, sexuellen Übergriffen, Vergewaltigungen und körperlichen Gewalterfahrungen in der Drogenszene und in der Prostitutionsarbeit.

Teils erleben sie (sexualisierte) Grenzüberschreitungen auch in den Suchthilfeeinrichtungen, in denen die Geschlechterverhältnisse ebenso gestaltet sind wie in allen Bereichen der Gesellschaft. Auch hier erleben Frauen Abhängigkeits- und Ohnmachtserfahrungen.

In der Arbeit mit Klientinnen fokussieren wir Abhängigkeit und Abhängigkeitsverhältnisse. Dabei geht es zentral um Kontrollverluste durch Suchtmittel, aber auch innerhalb von Beziehungen, Abhängigkeit von süchtig machenden Verhältnissen und Lebenssituationen. Wir verstehen Sucht als das Resultat eines „multifaktoriellen Bedingungsgefüges“, das bei Frauen wesentlich von frauenspezifischen Lebenserfahrungen und -bedingungen, entsprechenden Denk-, Fühl- und Verhaltensweisen gekennzeichnet ist, und missbräuchlichen und süchtigen Konsum verstehen wir als Bewältigungsstrategie von Erfahrungen und Lebensbedingungen, die sie zunächst nicht anders zu bewältigen wissen.

Wir verfügen über einen mädchen- und frauengerechten integrierten Beratungs- und Behandlungsansatz in der Suchthilfe, dessen Grundlagen aus der Frauenbewegung, der kritischen Psychologie, der Feministischen Therapie und der Traumatherapie entwickelt wurden.

Insbesondere in der ambulanten Suchtberatung können traumatisierte süchtige Frauen sich zunächst stabilisieren und ressourcenbasierende Maßnahmen einleiten, die ihre äußere und innere Sicherheit stärken und die negativen Auswirkungen der Abhängigkeitsverhältnisse überwinden lernen.

In diesem Prozess wird die innere Stabilisierung traumatisierter jugendlicher und erwachsener Klientinnen durch die Erforschung von Gelungenem im Leben, der Suche nach Momenten von Glück, Freude und Zufriedenheit ohne den Gebrauch von Suchtmitteln unterstützt.

Erst wenn eine tragende innere und äußere Sicherheit erreicht ist, sind weiterführende (Teil-) stationäre Maßnahmen angezeigt, die die spezifischen Lebenserfahrungen und deren weibliche Verarbeitungsweisen im Blick haben.

Insbesondere für Mädchen stehen in Hamburg kaum stationäre Maßnahmen zur Verfügung, die in einem fachlich begründeten Schutzraum mädchenspezifische Perspektiven einnehmen.

Genderspezifische Arbeitsansätze und entsprechende Suchthilfeeinrichtungen sind solange erforderlich, wie gesellschaftliche Benachteiligungen von Frauen und Mädchen strukturell verankert sind, solange Frauen und Mädchen nicht dieselben Möglichkeiten zur Teilhabe an den gesellschaftlichen Ressourcen haben, solange Männer und Jungen nicht an der Reproduktions- und Sorgearbeit beteiligt sind u.s.w.

Die Überwindung des traditionellen Familienmodells mit dem Mann als Haupternährer ist dringend notwendig, sie allein ist aber auch nicht der Garant für die Überwindung der Benachteiligung von Frauen, denn auch in den angeblich modernen Lebensformen erleben Mädchen und Frauen sexualisierte Gewalt und befinden sich in schwer überwindbaren, meist psychischen Abhängigkeitsverhältnissen. So könne z.B. Frauen trotz besseren Wissens pflegebedürftige Familienmitglieder nicht weniger versorgen, weil deren Versorgung niemand anderes übernimmt. Weil die versorgenden Frauen zu wenig Unterstützung erhalten und oft über persönliche Belastungsgrenzen langfristig hinausgehen, erkranken sie psychisch und/oder psychisch.

Es wird weiterhin notwendig sein, die gesellschaftlichen Ursachen der Gewalt und die geschlechtsspezifischen Unterschiede in der Verursachung und in der Verarbeitung zu kennen und zu berücksichtigen. Es wird weiterhin notwendig sein, dass wir das traditionelle Familienmodell hinter uns lassen, aber es wird auch notwendig sein, die angeblich modernen Familienmodelle genau unter die Lupe zu nehmen.

Denn auch sie sind bestimmt durch politische, gesetzliche (steuerliche, sozialversicherungsrechtliche usw.) Regelungen, die sich im Wesentlichen am Arbeitsmarkt, der Wirtschaft und entsprechenden monetär dominierten Organisationsstrukturen und Logiken orientieren. In ihnen bleibt das Menschliche auf der Strecke.

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