Das rechtskonservative Frauenbild der AfD

„Ich bin keine Feministin, weil Hausfrau sein auch ein Beruf ist.“ (Junge AfD, Tagesspiegel)

von Dr. Carola Ensslen

Es ist schon erstaunlich, dass ausgerechnet junge Menschen eine solche Aussage machen und das „Projekt Feminismus“ beenden wollen. Vorherrschend ist das Bild der zweigeschlechtlichen Kleinfamilie als „Keimzelle der Gesellschaft“ mit klassischer Rollenverteilung. Abtreibung, Quotenregelungen, homosexuelle Lebensweisen – das alles wird bekämpft.

Damit befindet sich die Alternative für Deutschland (AfD) auf einer Linie mit sogenannten Lebensschützer*innen, besorgten Eltern, christlichen Fundamentalist*innen und auch der PEGIDA-Bewegung. Selbst im konservativen Flügel der CDU finden sich Sympathisant*innen. Und der ehemalige CSU-Bundestagsabgeordnete Norbert Geis hat gesagt, schwule Väter seien keine Familie. Das zeigt, dass rechtskonservative Ansichten nicht mit der AfD verschwinden würden. Dem Rechtspopulismus geht es leider gut wie selten (so Christoph Bangel, Die Verdrossenen ziehen weiter, ZEIT ONLINE vom 19. Mai 2015). Bangel prognostiziert: „Eine vom Führungsstreit befreite Gauland- und Petry-AfD könnte von einer potenziellen Wählerschaft von weit über fünf Prozent ausgehen. Viele der Deutschen, die dem ganzen System nicht mehr trauen, wollen keine Währungsdebatten führen, sondern Feindbilder kultivieren. Davon haben die Nationalkonservativen jede Menge. Genderwahn, schwule Lobby … und noch vieles mehr.“ 

Frauenbild – Familienbild

Das rechtskonservative Frauenbild ist untrennbar verbunden mit dem Familienbild (siehe hierzu auch der Beitrag von Carina Book). Dazu gehört es vor allem, dass die zweigeschlechtliche Kleinfamilie (Vater, Mutter, Kind) als Keimzelle der Gesellschaft im Vordergrund steht. Sie muss gefördert werden, das Erziehungsrecht der Eltern soll nicht angetastet werden, Kitas und Schulen sollen eine nachgeordnete Rolle spielen, Kinder sollen in erster Linie in der Familie aufwachsen. „Der politische Druck auf Eltern, ihre Kinder immer früher und länger in Krippe und Ganztagsschule abzugeben, um selbst ungeteilt dem Arbeitsmarkt zur Verfügung zu stehen, muss gestoppt werden.“ (Initiative Familienschutz 2009) Logische Konsequenz dieser Haltung ist natürlich auch die Befürwortung des Betreuungsgeldes. Hervorgehoben wird dabei die Bindung von Mutter und Kind.

Auch wenn von Eltern und Familie die Rede ist, ist die Herleitung doch durchschaubar: Kinder haben eine enge Bindung an die Mutter, also muss sie die Kinderbetreuung übernehmen. Betreuung in Krippen und Kitas ist nur in geringem Umfang gut für das Kind. Mütter, die arbeiten und ihre Kinder dort betreuen lassen, sind schlechte Mütter. Sie werden bei ihrem schlechten Gewissen „gepackt“. Das „Argument“ Kinderbetreuung wird also benutzt, um Frauen zu Hause zu halten. Die Rollen sind damit klar verteilt: Die Frau wird auf das Gebären reduziert, übernimmt dann die Rolle der Mutter und leistet Haus- und Erziehungsarbeit, der Mann bringt das Geld nach Hause. Hinter dem Familienbild versteckt sich also ein verstaubtes, urkonservatives und antifeministisches Frauenbild.

Neoliberales Frauenbild

Indem die Unterschiede zwischen Männern und Frauen immer wieder betont werden (Frauen interessieren sich nun mal nicht für Wirtschaft…), spiegelt sich die Ungleichheitsideologie der AfD auch in ihrem Frauenbild wider. Auch auf Frauen wird das Leistungsprinzip übertragen: Nur, wer sich durchschlägt, ist emanzipiert. Der (mit Absicht nicht gegenderte) Stärkere gewinnt, Schwächere bleiben zurück. Es gilt die neoliberale These, dass Benachteiligte leistungsunfähig seien. Wer keinen Erfolg hat, ist selbst schuld und hat seinen Anspruch auf gleiche Rechte verspielt. Frauenquoten werden bei diesem Frauenbild konsequenterweise abgelehnt. Mit der Verteidigung der Etabliertenvorrechte wird Gleichberechtigung – auch zwischen den Geschlechtern – ad absurdum geführt. Aber das ist keinesfalls ein Alleinstellungsmerkmal der AfD. Zu erinnern ist an die ehemalige CDU-Familienministerin Kristina Schröder. Auch sie hat dieses konservative neoliberale Frauenbild vertreten.

Gesellschaftliche Verwurzelung des konservativen Frauenbildes

Schauen wir uns Artikel 6 Grundgesetz an, so finden wir folgende Aussagen:
(1) Ehe und Familie stehen unter dem besonderen Schutze der staatlichen Ordnung.

(2) Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht. …
(4) Jede Mutter hat Anspruch auf den Schutz und die Fürsorge der Gemeinschaft.

…“

Nach wie vor gibt es die Ehe nur zwischen Frauen und Männern. SPD-Justizminister Heiko Maas wollte daran eigentlich etwas ändern, ruderte aber wieder zurück. Und der Generationenvertrag zur Altersversorgung basiert auf der stillschweigenden Voraussetzung, dass aus heterosexuellen Beziehungen Kinder hervorgehen. Das Bundesverfassungsgericht stellt dazu fest, dass Kinderlose auf Kosten und zu Lasten von Paaren mit Kindern leben.

Das Ehegattensplitting fördert unterschiedliche Einkommen in der Ehe. Das läuft nach wie vor häufig darauf hinaus, dass Männer berufstätig sind und Frauen in der Rolle der Hausfrau, Mutter und allenfalls Teilzeitbeschäftigten haften bleiben. Im ehelichen Unterhaltsrecht sind zwar in den letzten Jahren Korrekturen vorgenommen worden, d. h. Frauen sind gehalten, nach Trennung und Scheidung wieder berufstätig zu werden. Allerdings bleibt die ökonomische Abhängigkeit, wenn Frauen zuvor nicht berufstätig waren, denn die Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt nach längerer Unterbrechung ist schwer. Das Verharren in einer konservativen Frauenrolle kann also zur Armutsfalle werden. So sind vor allem alleinerziehende Mütter von Armut bedroht.

Eine gesetzliche Definition für Familie gibt es weder im Grundgesetz noch im Bürgerlichen Gesetzbuch. Allerdings „atmen“ sämtliche Vorschriften noch die Kleinfamilie als gesetzgeberisches „Idealbild“ der Familie. Demgemäß ist unter Familie in erster Linie die Gemeinschaft von Eltern und Kind(ern) zu verstehen. Das legt nahe, dass auch homosexuelle Paare mit Kindern darunter fallen. Der Weg für sie dorthin ist allerdings steinig. Adoptionen unterliegen nach wie vor sehr hohen Hürden. Auch hier begegnet uns immer noch die Vorstellung, dass eine Frau die Mutterrolle übernehmen muss.

Losgelöst von den rechtlichen Rahmenbedingungen begegnet uns im Alltag der jetzigen Müttergeneration der Konflikt mit dem Frauenbild. Das Spukbild der Rabenmutter für Frauen, die bald nach der Geburt wieder arbeiten, ist zwar etwas blasser geworden, aber immer noch in den Köpfen. Spätestens beim zweiten Kind ist es immer noch die Frau, die sich für Teilzeitarbeit oder die Hausfrauenrolle entscheidet. Insgesamt haben Frauen wesentlich längere familienbedingte Erwerbsunterbrechungen und arbeiten anschließend in Teilzeit und Minijobs, in Ostdeutschland sogar mit steigender Tendenz. Es ist also noch ein weiter Weg, bis das konservative Frauenbild aus den Köpfen sein wird.

Der Gegenentwurf

Gerade die Erkenntnis, dass der Weg zu einem modernen Frauenbild noch weit ist, macht das Wirken der AfD und anderer rechtskonservativer gesellschaftlicher Strömungen so gefährlich. Denn es ist ein Bremsklotz in der Entwicklung. Es besteht sogar die Gefahr von Rückschritten.

Deshalb ist es wichtig, dem ein linksfeministisches Frauenbild gegenüberzustellen. Die Schritte weg von der traditionellen Kleinfamilie mit berufstätigem Mann dürfen nicht durch Doppel- und Überbelastungen berufstätiger Frauen gefährdet werden. Hinzu kommt das Lohngefälle zwischen Männern und Frauen. Das alles führt zu neuen Ungleichheiten.

Im Parteiprogramm der Partei DIE LINKE finden sich einige Ansätze für eine Verbesserung der Situation:

„DIE LINKE versteht sich als Partei mit sozialistischem und feministischem Anspruch. Wir setzen uns für ein selbstbestimmtes, solidarisches Leben ein, in dem Erwerbsarbeit, Familienarbeit, gesellschaftliches und politisches Engagement für Männer und Frauen miteinander vereinbar werden. Wir treten dafür ein, die sozialen Sicherungssysteme, die Gestaltung der Arbeitswelt, das Angebot an öffentlichen Dienstleistungen und die Rahmenbedingungen für die politische Beteiligung in Wirtschaft und Politik so zu verändern, dass Benachteiligungen beseitigt werden. Alle politischen Entscheidungen und Vorschläge müssen systematisch danach beurteilt werden, welche Auswirkungen sie auf Frauen und auf Männer haben. … 

Wir fordern das Recht auf ganztägige gebührenfreie Betreuung und Bildung in Krippen, Kindergärten und Kindertagesstätten für alle Kinder. Dies ist eine grundlegende Voraussetzung für eine gute frühkindliche Förderung aller Kinder und ist erforderlich, damit Frauen und Männer gleichberechtigt Erwerbsarbeit und Familienleben miteinander vereinbaren können. Quotierung bleibt ein wichtiges Mittel zur Förderung der Geschlechtergerechtigkeit. …“

Dieser Programmauszug zeigt, dass auf dem Weg zu einem modernen Frauenbild viele Maßnahmen notwendig sind, die zu mehr sozialer Gerechtigkeit für Frauen führen. Darin kann sich Feminismus aber nicht erschöpfen. Es muss zudem immer deutlich werden, dass es darum geht, gegen patriarchale Strukturen und die Einengung durch traditionelle Rollenbilder anzugehen. Dazu gehört es auch zu beachten, dass die traditionellen Einstellungs- und Deutungsmuster sehr subtil wirken. Sie müssen bewusst gemacht werden, um jüngere Frauen aufzurütteln und zu motivieren, gegen diese Strukturen anzugehen. Ein ermutigendes Beispiel dafür ist Anne Wizorek, die 2013 mit ihrer twitter-Kampagne „#Aufschrei“ auf Sexismus im Alltag aufmerksam machte und sich weiterhin für moderne Geschlechterbilder einsetzt.

5 foto carola ensslen

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