Warum sind bestimmte Berufe Frauenberufe?

„Wichtiger, als sich auf das Aufbrechen von geschlechtsspezifischen Rollenverständnissen als vermeintliches gesellschaftliches Problem zu konzentrieren, wäre es, die Berufsberatung junger Menschen praxisnaher zu gestalten. Von besonderer Bedeutung wäre dabei auch, den Wert einer guten Ausbildung im Vergleich zu einem unambitioniert verfolgten Studium hervorzuheben und hierdurch Jugendlichen eine bessere Orientierung zu geben.“ (Quelle: AfD-Fraktion Thüringen)

Von Angelika Gericke

Warum, fragte ich mich, bilden sie Gegensätze, wo es gar keine gibt? Warum ist es wichtiger, die Berufsberatung junger Menschen praxisnah zu gestalten als sich um das Aufbrechen von geschlechtsspezifischen Rollenverständnissen zu konzentrieren? Und warum sind geschlechtsspezifische Rollenverständnisse ein nur vermeintliches gesellschaftliches Problem? Ist ein derartiges Rollenverständnis nicht ein generelles gesellschaftliches Problem?

Warum wird von guter Ausbildung als Gegensatz zu einem unambitionierten Studium gesprochen? Und wo kommt das Wort „unambitioniert“ eigentlich her? Geht es nicht vielmehr um eine Berufswahl, die den Interessen und Fähigkeiten junger Erwachsener entspricht – und darum, dass die Entscheidung selbständig getroffen aber auch revidiert werden kann?

Warum muss Jugendlichen eine Orientierung gegeben werden? Wieso? Von wem? Wohin? Welches Menschenbild kommt zum Ausdruck, das hier die Orientierung von Menschen bestimmen will. Und welche Anmaßung ist es zu meinen, jemand – gar eine Partei – wisse, was jungen Erwachsenen eine bessere Orientierung gibt – und wohin orientieren?

Ach ja – da fehlt noch die praxisnahe Berufsberatung. Was die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Jobcenter und der Agentur für Arbeit wohl dazu meinen? Welche Praxis ist gemeint? Die Praxis, die Frauen berät, in den Sozial- und Erziehungsdienst zu gehen und Männer Ingenieure werden lässt?

In der Veröffentlichung des Hamburger Instituts für Berufliche Bildung 1/2015 fand ich bereits im Vorwort, folgendes: „Mit bundesweit beachtetem Erfolg hat Hamburg die Maßnahme zur Reform der beruflichen Bildung umgesetzt. Drei Faktoren waren entscheidend: Erstens, den Reformen liegt eine Vision zugrunde, berufliche Bildung aus Sicht der Jugendlichen zu denken. Zweitens, die Maßnahmen werden in Hamburg in enger Zusammenarbeit aller Partner der beruflichen Bildung getragen. Und drittens, die verantwortlichen Kolleginnen und Kollegen haben dieser Reformarbeit mit großer Fachlichkeit, Beharrlichkeit und hohem Engagement gestaltet.“

Unambitioniertes Studium, gibt es das? Ist es nicht so, dass gerade die Zeit der Berufswahl eine Zeit der eigenen Orientierung ist, es völlig normal ist, zunächst etwas zu beginnen, von dem dann im Verlauf der Ausbildung oder des Studiums klar wird, dass es doch nicht das ist, was es zunächst zu sein schien? Oder sind es etwa die Frauen, die unambitioniert studieren und damit den männlichen Bewerbern den Studienplatz wegnehmen? Ver.di hat in seiner Veröffentlichung im März 2014 auf der dritten Seite des report biwifo (Bildung, Wissenschaft und Forschung) einiges über die Möglichkeiten an Fachhochschulen zu studieren, geschrieben. Und siehe da, es sind auch Frauen zu finden, die technische Berufe ergreifen wollen. Geht es etwa darum? Gehören Frauen generell nicht an (Fach)Hochschulen?

Ich wollte Zahlen finden, die belegen, dass Frauen mindestens gleiche Leistungen in Schule, Ausbildung oder Studium erbringen wie ihre männlichen Mitschüler, Auszubildende oder Studierende. Zahlen die belegen sollen, dass es also keine Frage des Geschlechts ist, was junge Erwachsene für einen Beruf ergreifen können. Es sind andere Bedingungen, die dazu führen, wer in eine Ausbildung geht und wer studiert. Es ist doch bekannt, dass es immer noch (auch) eine Frage der sozialen Herkunft ist, welcher Berufsweg eingeschlagen wird! „Die in der Öffentlichkeit vielfach diskutierte Wirkung der Milieuzugehörigkeit auf die Höhe des allgemeinbildenden Abschlusses und somit auf die Schaffung fördernder bzw. hemmender Voraussetzungen für die Berufswahl, können auch in vorliegender Studie belegt werden.“ So schreibt es 2011 Karoline Hentrich in ihrer Veröffentlichung „Einflussfaktoren auf die Berufswahlentscheidung Jugendlicher an der ersten Schwelle. Eine theoretische und empirische Untersuchung“, die sie für das Land Sachsen-Anhalt durchgeführt hat.

Dann ist da noch das Thema Gleichberechtigung. Die haben wir doch, oder nicht? Ich habe in meinem Bücherregal etwa ein Dutzend Bücher hervorgeholt, um darauf inhaltlich ein zu gehen. Die Bücher sind teilweise sehr alt, was zeigt, dass es sich nicht um ein neues Thema handelt. Einige sind von 1975. Unter meinem Buchbestand befand sich auch das Praxishandbuch Gleichberechtigung von Petra Ganser. Das Buch hat den Untertitel „Ungleichbehandlung vorbeugen – Rechte nutzen – Gleichstellung herstellen.“ Darin habe ich viele Zahlen und Fakten gefunden. Gleich im Vorwort fand ich eine erschreckende Zahl. Danach betrug im Jahr 2009 der durchschnittliche Lohnunterschied zwischen Frauen und Männern 23 Prozent in Deutschland, in der EU waren es 17,4 Prozent. Diese Zahl ist bis 2015 nicht gesunken. In keinem Wirtschaftszweig verdienen Frauen im Durchschnitt mehr als Männer. Der Equal Pay Day am 19. März zeigt deutlich, ab wann im Jahr Frauen für die gleiche bzw. gleichwertige Arbeit den gleichen Lohn bekommen. Bis dahin arbeiten sie(symbolisch) ohne Lohn.

Also AfD, es scheint zumindest in der Bezahlung von Erwerbstätigkeit noch ein gesellschaftliches Problem mit dem geschlechtsspezifischen Rollenverständnis zu geben.

Als nächstes dachte ich darüber nach, wie ich dem Text auf anderem Wege nahe kommen könnte. Erst schaute ich mir die Wortwahl an, dann sollte der Sinn und Zweck betrachtet werden.

Schauen wir uns die Worte an: wichtiger, vermeintlicher, praxisnah, besonderer, guten oder besser = allesamt Steigerungsformen, warum? Rhetorische Phrasen? Übertreibungen statt Inhalte?

Und weiter geht es mit: Aufbrechen, Rollenverständnis, Problem, Berufsberatung, Menschen, Bedeutung, Wert, Ausbildung, Studium, Jugendliche und Orientierung.

Schauen wir uns die Schlagworte an, dann stellen wir fest: Da muss mal was gemacht werden, stimmt. Sehe ich auch so, an diesen Themen müssen wir dran bleiben, damit das Erreichte verbessert werden kann.

Aber die AfD hat es so in dem Text nicht gemeint. Der Text wertet ab, wirkt ins Negative, macht Wichtiges lächerlich.

Es ist so offensichtlich, was die AfD mit diesem Text suggerieren will. Es braucht kein gesellschaftliches Problem des geschlechtsspezifischen Rollenverständnisses zu geben, wenn „Frauen ihren Platz in der Gesellschaft“ kennen würden. Ausbildung, ja klar – aber doch nicht um jeden Preis. Frauen gehören an den Herd – mit ein bisschen Ausbildung, na gut. Studieren sollen die Leistungsträger, damit sind die Männer gemeint. Gemeint von einer Partei, die zu mehr als 80 Prozent aus Männern besteht. Das ist kein Zufall. Zumal das Durchschnittsalter weit über dem des jungen Erwachsenen liegt (25 Jahre). Die Partei wird geführt von Männern, die sich ihre Macht erhalten und den männlichen Nachwuchs selbst auswählen wollen. Wenn es doch mal Frauen in der AfD gibt, ist es für sie fast schon Gesetz, dass eine Familie aus Frau und Mann und mindestens drei Kindern besteht. Abtreibung ist verboten.

Es geht nicht um Inhalte – es geht um Polemik. Wir wissen, dass es immer noch den gesellschaftlichen Unterschied zwischen Frauen und Männern gibt. Es gibt noch immer nicht den gleichen Lohn für gleichwertige Arbeit. Der Streik im Sozial- und Erziehungsdienst zeigt, dass die kommunalen Arbeitgeber noch nicht einmal bereit sind, ein Verhandlungsangebot für die Fachkräfte im Sozial- und Erziehungsdienst zu machen.

Der Text soll Emotionen schüren, subjektivieren, jeden Einzelnen ansprechen wie die Werbung im Supermarkt, an allen Orten – beim Grillen, Spazierengehen und beim Sonntagsessen sollen wir suggeriert bekommen. „Ja klar, genau so ist es – wir sind frei und brauchen keine Emanzipation oder Gleichberechtigung. Die Arbeit zu Hause ist doch auch Arbeit, oder?“ „Jeder hat seinen Platz in der Gesellschaft – Frauen mit ein bisschen Arbeit aber doch bitte mit Schwerpunkt Familienarbeit.“ Die AfD will die Köpfe besetzten. Das kann sie nicht so platt wie andere Parteien am rechten politischen Rand. Sie will auch Ausbildung für Frauen, denn sonst hätte sie keinen Zugang zu vielen Menschen, von denen sie gewählt werden will.

Fazit: Angereichert mit diesem notwendigen Übel, auch von Frauen gewählt werden zu wollen, und darum auch ein bisschen Ausbildung fordern, geht es der AfD um die Erhaltung und Manifestierung der alten Männerriege, um Machterhalt und um die Bildung von Nachwuchsmännern. Solange das Studium als Wert an sich immer noch als höher gesellschaftlicher Wert, verbunden mit höherem Ansehen angesehen wird als eine Ausbildung, werden mehr junge Menschen, egal ob Frau oder Mann, studieren wollen. Jurist oder Koch? Wenn Frauen auch studieren, sind sie Konkurrentinnen auf dem Arbeitsmarkt und nehmen Männern die Arbeitsplätze weg. Gehen Frauen in die Ausbildung, sind sie keine Konkurrenten für die studierten Männer bei der Suche nach einem Arbeitsplatz, aber gebildet genug, um als Anhängsel des Mannes gezeigt werden zu können. Das ist es, was die AfD von Frauen will? Mitreden ja bitte, aber nicht auf meinem (männlichen) Niveau.

Die AfD subjektiviert und der Satz passt in das Konstrukt der Partei. Verantwortung der Kindererziehung soll bei den Eltern liegen, Frauen dürfen in die Ausbildung und Männer an die Hochschulen. So stellt die AfD ein reaktionäres Weltbild dar, das die Verantwortung und Gestaltungsfreiheit bei jedem Einzelnen verankert. Die Rolle und Funktion des gesamtgesellschaftlichen Umfeldes, die Aufgabe der Zivilgesellschaft mit ihren Widersprüchen und Auseinandersetzungen soll aus dem Denken der Wähler der AfD und aus den Anhängern der AfD verschwinden. Nach vorn denken, anders denken und anders sein – nein danke. Vielmehr soll es einen festen, kleinen, vermeintlich überschaubaren Rahmen geben, in denen sich die Menschen nach den Vorstellungen der AfD verhalten sollen. Sekte?

Natürlich finde auch ich, dass es subjektiv die Entscheidung jedes Einzelnen sein muss, zu Hause zu arbeiten oder nicht und ja, die Hausarbeit ist auch Arbeit. Aber es muss eine Wahlfreiheit bleiben und keine Postulat werden.

Objektiv darf es in einer Zivilgesellschaft keine Benachteiligungen aufgrund des Geschlechts geben. Objektiv müssen wir dafür sorgen, dass junge Erwachsene sowohl eine gute Ausbildung als auch ein ambitioniertes Studium absolvieren können. Am Ende muss es für alle Menschen einen Beruf geben können, deren Ausübung so bezahlt wird, dass eine Beteiligung am gesellschaftlichen Leben ermöglich ist. Und es muss für jeden die Wahl bestehen, wie jemand sein Leben gestalten möchte, ohne aufgrund von Rasse, Religion oder Geschlecht benachteiligt zu werden.

„Wichtig ist es, den Jugendlichen und jungen Erwachsenen Raum für eine Orientierung insbesondere bei der Berufswahl zu ermöglichen, die ihnen eine Teilhabe am Leben gewährleistet, unabhängig von Geschlecht, Rasse, Religion oder gesellschaftlicher Herkunft.“

Diesen Satz werden wir nicht von der AfD hören. Aber es gibt andere gesellschaftliche Kräfte, die das so oder so ähnlich sehen – und das ist heute mehr als wichtig.

Angelika-Gericke

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