Es genügt schon ein Blickwechsel

Der Familiennachzug ist deutlich einzuschränken (z.B. Kindeshöchstalter 16 Jahre, kein Nachzug für Enkel, Großeltern, sonstige Verwandte wegen häuslicher Gemeinschaft, Personen in „dauerhafter Beziehung“). Familiennachzug bedarf des Nachweises der dauerhaften Sicherstellung des Lebensunterhalts. Der Bezug von Kindergeld ist auf die Leistungen zu beschränken, auf die in den Herkunftsländern Anspruch besteht. Angesichts der sich schon seit 1,5 Jahren hinziehenden Armutseinwanderung aus Serbien und Mazedonien in die Sozialsysteme – vor allem sog. Roma – ist eine Aufhebung der Visafreiheit für diese beiden Staaten anzustreben. (Quelle: Wahlprogramm AfD zur Bürgerschaftswahl 2015)

Von Saide Sesin

Öfter genügt ein Blickwechsel, um etwas zu verstehen. Vielleicht hilft den ungebildeten und unbedachten Äußerungen einiger Politiker*innen zum Thema Zuwanderung der Blickwechsel, welchen ich als Migrantin einbringen kann. Es ist mir bewusst, dass solche Politiker*innen nicht klüger werden, aber wenigstens sollte ihnen nicht gelingen, die faktische, konkrete Realität der Zuwanderung zu vertuschen oder zu verleugnen.

Ich bin eine von den jährlichen tausenden Frauen, die als Familiennachzug nach Deutschland emigriert sind. Selbst wenn wir unsichtbar sind, im Sinne von wenig Präsenz in der Gesellschaft, sind wir Fokus und Kritiken verschiedenen Art durch verschiedenen Formen und Medien ausgesetzt -alltäglich oder strukturell.

Trotz alledem und trotz der Verbreitung des Fremdhasses sind die Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit sogenanntem Migrationshintergrund gerade dabei, die Rente der nächsten Generationen zu sichern. Ja, statistisch gesehen wird die Hälfte der Bevölkerung Deutschlands in ca. 20 Jahren über 60 Jahre erreichen. Die Sterberate ist immer noch höher als die Geburtenrate.

Die „ausländischen“ Mutter und Väter, bei denen jedes dritte Kind aufwächst und jedes fünfte über 14 Jahre alt ist, haben diesen Nachwuchs aus eigenen Kraft und mit eigenen Möglichkeiten großgezogen und erzogen. Viele tun dies ohne familiäre Unterstützung und mit mehreren gering bezahlten Jobs. Ein Teil davon, als Alleinerziehende und mit prekärer finanzieller Situation. Dabei ist zu beachten, dass diese Frauen eine andere Muttersprache als Deutsch haben, weswegen sie in den Niedrigsektor des Arbeitsmarktes eingeordnet werden, dort wo es nicht wichtig ist, dass sie korrekt deklinieren. Im Grunde genommen werden sie wegen der Sprache diskriminiert und so landen überqualifizierte Arbeitskräfte in unterbezahlten Jobs. Wir kriegen 900 Stunden Unterricht in Deutsch als Fremdsprache im Rahmen der Integrationskurse und damit sollen wir perfekt Deutsch sprechen! Wenn wir es nicht schaffen, dann wird uns unterstellt, dass man sich nicht integrieren will. Zur Erinnerung: Deutsch als Hauptfach ist in der schulischen Grundausbildung mit 10 Jahren belegt.

Diese Frauen und Männer, Jugendliche und Kinder mit Migrationsstempel – die laut Statistiken hier im Lande viermal mehr von Armut als nicht Migrant*innen betroffen sind-   und die alles was ihnen Bekannt war verlassen haben: Land, Familie, Beruf, Sprache erleben dazu noch alltägliche Diskriminierungen, Ausgrenzungen, unterliegen Kritiken und – wie Statistiken es belegen – haben weniger Bildungschancen.

Aber darüber will ich nicht reden, sondern über das Wunder, dass sie es trotzdem geschafft haben, die Alterungstendenz der deutschen Bevölkerung auszugleichen und mit ihren unterbezahlten Jobs und Renten die Sozialversicherung und Steuer aufzufüllen.

Warum gehen sie nicht zurück? Weil sie ihre eigenen Kinder nicht mitnehmen können, denn diese sind deutsche Staatsangehörige. Anstatt zum Beispiel eine erfolgreiche Journalistin in ihrer Heimat zu sein, arbeiten sie hier untergestuft und überqualifiziert. Dabei gehen unheimlich viele Ressourcen verloren, vor allem die Mitgebrachten. Keine zugewanderte Person ist ein ungeschriebenes Blatt.

Der defizitäre Blick über uns, gemessen nach dem Grad der Beherrschung der deutsche Sprache plus die Ängste über unsere „andere“ Mentalität, von der niemand weiß, was diese ausmacht, die aber sicherlich eine Bedrohung darstellt, ist Teil des alltäglichen Rassismus. Die nicht Anerkennung unserer mitgebrachten Qualifikationen, Talente und Sprachen ist es auch. Die Verbreitung, dass wir hierher kommen, um uns zu bereichern, die Arbeit anderen Menschen stehlen und von staatlichen Gelder profitieren, führen dazu, uns noch mit mehr Ausgrenzungen zu belasten und uns dort zu verfestigen. Wo sind die Migrant*innen- Quoten in eine Gesellschaft mit 25 Prozent der Bevölkerung mit Migrationsgeschichten?

Und wir haben es geschafft, dieses Land mit Kinder, Jugendliche, familiären Bindungen, kollektivistischen Denken, Vielfalt an Ressourcen und Sprachen, gutes und verschiedenes Essen sowie kulturellen und sportliche Beiträge zu bereichern. Nicht zuletzt mit ein bisschen Liebe und einigen Werten, die über die Leistung eines Menschen hinaus gehen.

Die Politiker*innen, die gegen zugewanderte Menschen Angst und Hass verbreiten, sollten sich lieber über die eigenen Werte Gedanken machen. Wie kann es sein, dass laut Statistik jeder zehnte Deutsche unter Depression und Ängste leidet, dass die häufigsten Fälle der polizeilich erfassten Toten einen Suizid als Ursache haben, dass mehr Menschen sterben als geboren werden, dass Kinder die Zukunft sind und trotzdem nicht geachtet werden, dass der Durchschnitt der Bevölkerung altert und es trotzdem keinen Respekt und Würde für die alten Menschen gibt? Haben die Zuwander*innen daran Schuld?

Nein, wir sind eher die frische Luft und ein wenig Wärme! Das tut übrigens gut bei Leistungsstress, Altern und Kinder großziehen.

saidesesin

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